Testen auf das nächste Level

Dieser Gastbeitrag von Silke Gebel und Janosch Dahmen, MdB, erschien am 25. Februar 2021 in der Zeitung Die Welt.

Zu lange hat die Bundesregierung einen zentralen Baustein in der Pandemie-Bekämpfung verschlafen: den strategischen Einsatz von Antigen-Schnelltests. Auf die vollmundigen Ankündigungen des Gesundheitsministers Jens Spahn, ab dem 1. März allen Menschen kostenlose Schnelltestmöglichkeiten zur Verfügung stellen zu wollen, folgte nun ein blamables Zurückrudern. Dabei haben flächendeckende Schnell- und Selbsttests das Potential, zu einem echten Gamechanger in der Corona-Pandemie zu werden. Wenn flächendeckend Schnelltests eingesetzt werden und sich jeder selbst auf Corona testen kann, treten viele Infektionen zu Tage, die sonst womöglich unentdeckt geblieben wären. Die Konsequenz:  Ansteckungen können verhindert werden, die Inzidenz geht runter und mehr Freiheiten werden möglich.

Das heißt nicht, dass wir verfrüht in eine Lockerungsdebatte einsteigen sollten, denn das geben die aktuellen Zahlen nicht her. Aber der strategische, niedrigschwellige Einsatz von Schnelltests schafft eine Perspektive – und die brauchen wir dringend. Schnelltests müssen deshalb endlich in eine nationale Teststrategie eingebettet werden. Das Motto muss sein: Deutschland testet sich! Aufstehen, Selbst-Testen, Zähneputzen, Tag beginnen. Diese Option sollte perspektivisch jeder Mensch in Deutschland ermöglicht bekommen.

Ein flächendeckender Einsatz von Schnelltests im Sinne eines Public-Health-Screenings würde Neuinfektionen, Cluster und Hotspot-Regionen frühzeitig erkennen und dadurch entstehende eskalierende Infektionsgeschehen schneller in den Griff bekommen. Das Screening müsste ähnlich wie ein Antivirenprogramm beim Computer regelmäßig  durchgeführt werden. Würde  für alle Einwohnerinnen und Einwohner einer Stadt ein Test-Tag ausgerufen, entstünde eine gute Momentaufnahme. Alle wüssten: Montag ist Test-Tag.  Eine solche Teststrategie wäre ein echter Test-Hammer, der in Kombination mit strengen Quarantänemaßnahmen auf einen Schlag viele Infektionsketten durchbrechen würde. Damit das klappt, muss die Bundesregierung dafür sorgen, dass erstens genügend Schnelltests produziert werden und dass sie zweitens für alle erschwinglich – am besten kostenlos – verfügbar sind.

Die viel diskutierten Öffnungsszenarien müssen endlich eine wirkungsvolle nationale Teststrategie mitdenken, auch hier muss die Bundesregierung jetzt liefern! Eine Öffnungsperspektive unter breiter Anwendung von Schnelltests könnte dann so aussehen: Wenn die Inzidenzen niedrig genug sind, könnten beispielsweise Kosmetik- oder Massagestudios wieder für diejenigen öffnen, die ein negatives Testergebnis vorweisen können. Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Kundenkontakt sollten sich regelmäßig vor Arbeitsbeginn, testen, dafür braucht es eine Testpflicht für gewisse Berufsgruppen, wie es sie zum Beispiel in Österreich gibt.

Positivbeispiele gibt es bereits:  Im Pflegebereich werden Schnelltests als sogenannte Tür-Öffner schon seit letztem Herbst eingesetzt, seit Jahresanfang in Berlin mit jedem Schichtbeginn. In Kitas und Schulen wird in  Berlin seit dieser Woche mit Schnelltests getestet. Der nächste Schritt muss sein, dass man sich auch selber testen darf.  Was es dafür braucht ist eine realistische Bedarfsberechnung und Produktionsanreize wie Abnahmegarantien für die Hersteller, denn nur wenn wir ausreichend Schnell- und Selbsttests zur Verfügung haben, kann eine Teststrategie wirkungsvoll sein. Hier hat die Bundesregierung viel zu lange einseitig auf die Impfkampagne gesetzt und neue Testansätze vernachlässigt.

Und ja, die neuen Tests sind so einfach anzuwenden, dass auch Kinder das mit ihren Eltern können. Der Abstrich wird im vorderen Nasenbereich genommen – simpel wie Popeln! Und Selbsttests  weisen eine sehr hohe Genauigkeit auf. Klar ist aber auch: Ein negatives Ergebnis ist eine Momentaufnahme und entbindet nicht von der Maskenpflicht und anderen Hygieneregeln. Ein positives Ergebnis bedeutet wie bisher auch Quarantäne und eine PCR-Nachtestung. Denn so gelangen die Positivergebnisse, ins Meldesystem, was neben der Nachverfolgung dazu führt, dass das Virus auf mögliche Mutationen untersucht werden kann und die sehr seltenen falsch-positiven Schnelltestergebnisse ausgefiltert werden. Kombiniert mit einer klugen Weiterentwicklung der Corona-Warn-App oder der Luca-App können Kontakte und im Idealfall auch Clusterkontakte aus U-Bahn oder Supermarkt über das positive Schnelltestergebnis informiert werden. Die Eigenverantwortung der Bürger steigt und damit die so wichtige Selbstwirksamkeit in der Pandemie.

Wir sind überzeugt: Die Mehrheit der Menschen will sich auch im zwölften Monat der Pandemie regelkonform verhalten, wenn sie von der Wirkung der Maßnahmen überzeugt ist. Die Impfung bietet zwar auf lange Sicht eine hoffnungsvolle Perspektive, doch bis wir alle geimpft sind, werden noch einige Monate vergehen. Schnelltests können ein neues Element der Hoffnung sein, weil sie es uns erlauben, Teile unseres Alltags zurückzuerlangen, ohne andere oder uns selbst dabei zu gefährden.

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