Strategischer Umgang mit Corona-Schnelltests

Der zweite Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie dominiert die Lage. Die Corona-Infektionszahlen stagnierten vor Weihnachten auf hohem Niveau. Zwar sinkt die Kurve aktuell, aber es gibt die berechtigte Sorge, dass die Zahlen nicht den wahren Verlauf aufzeigen, da viele Fälle durch weniger Testungen nicht aufgefallen sind. Hinzu kommt die Unsicherheit, wie sich eine mögliche Verbreitung der Mutation B.1.1.7 auf das Infektionsgeschehen auswirkt. Wir werden also erst in den kommenden Tagen wissen, wo wir wirklich in der Bekämpfung der Corona-Pandemie stehen. Die Belegung der Intensivbetten und die allgemeine Situation in den Krankenhäusern ist weiter sehr angespannt.

Gleichzeitig startet die Impfkampagne, allerdings schleppender als geplant. Berlin ist bereit, rund 20.000 Impfdosen pro Tag zu verimpfen, doch die Impfdosen lassen auf sich warten. Trotzdem sind schon viele Menschen in den Pflegeeinrichtungen geimpft. Das ist ein guter Start ins Jahr 2021. Denn nur eine ​breite Impfung unserer Gesellschaf​t bietet einen Schutz vor Corona und ermöglicht uns wieder einen weitgehend normalen Alltag. Doch bis zu einer kompletten Durchimpfung der Gesellschaft wird es noch einige Zeit dauern. Bis dahin braucht es eine langfristigere Perspektive und dementsprechend weitere Strategien als bisher, um die Inzidenzen so niedrig zu halten, dass weniger Intensivbetten belegt sind und die schweren Verläufe und die Todesfälle sinken. Wir brauchen also, neben den Lockdownmaßnahmen bei hoher Inzidenz, ​einen Dreiklang aus Impfung, Tracing und Schnelltests​. Schnelltests sind für Menschen in Pflegeheimen und Kliniken ein sichererer Türöffner zu ihren Angehörigen. Sie dienen außerdem als Screening bei Berufen mit vielen Kontakten, wie beispielsweise Lehrenden und Erzieher*innen, und sie können nach unserem Wunsch auch für jeden bei Minimalsymptomen zum Einsatz kommen.

Das bedeutet, dass der Lockdown zur Kontakt- und Mobilitätsreduzierung weiter richtig und wichtig ist. Das bedeutet aber auch, dass wir aufgrund der neuen Möglichkeiten weiter denken müssen: Im Gegensatz zum Frühjahr gibt es mit den Antigen-Schnelltests eine entscheidende neue Technologie. Menschen können über Schnelltests ihre Infektiosität frühzeitig erkennen und durch Selbstisolation ihre Mitmenschen vor Ansteckung schützen. Kombiniert mit den bereits bekannten Hygieneregeln können so Infektionsketten frühzeitig erkannt und durchbrochen werden. Die Erfahrung aus Frankreich und Österreich, die Schnelltests über Apotheken und in Teststationen durchführen lassen, hat gezeigt, dass diese Tests gut angenommen werden. Sie können, wenn sie strategisch eingesetzt werden, ein wichtiger Baustein in der Pandemiebekämpfung sein. Dafür braucht es eine ​nationale Schnellteststrategie​. Schnelltests können für Massentestungen​ eingesetzt werden, um an einem Stichtag eine gesamte Bevölkerung zu testen. Der Vorteil ist, dass so Infektionen entdeckt werden, die ansonsten unbemerkt zur Verbreitung des Virus geführt hätten. Diese Massenschnelltests können durch mobile Testteams oder dezentrale Testzentren durchgeführt werden. Allerdings ist es ein unverhältnismäßiger Aufwand und angesichts der hohen Inzidenzen nicht zu verantworten, so viele Menschen an zentrale Orte zu bringen. Wenn Schnelltests aber zur Selbstanwendung genutzt werden können, kann solch eine Massentestung durch die Bevölkerung selbst durchgeführt werden. Zentral ist dabei die ​Zulassung der Schnelltests als Heimtest​. So können die Schnelltests neben dem Einsatz als Massenschnelltest auch in den Alltag integriert werden und beispielsweise vor dem Gang in den Supermarkt ein Abstrich gemacht werden, der zwar keine 100%ige Sicherheit bietet, aber mit einer Genauigkeit von mindestens 80%, durchaus die meisten Coronafälle erkennt. Dabei muss immer klar sein: Ein Schnelltest ist kein Freischein, den Lockdown zu umgehen, aber er bietet eine erweiterte Sicherheit. Die Zulassung als Heimtest liegt in der Verantwortung des Bundes, der Bundesgesundheitsminister ist hier gefragt, dafür Sorge zu tragen, dass es Zulassungsanträge für Schnelltests zur Selbstanwendung gibt. Mit neuartigen Schnelltests, für die ein Abstrich im vorderen Nasenbereich ausreichend ist, können auch Laien sich einfach selbst testen.

Dabei ist eines besonders wichtig: Wenn es gelingt, die Schnelltests flächendeckend zu verteilen und den Berlinerinnen und Berlinern einen einfachen Zugang zu den Selbst- oder Heimtests zu schaffen, dann werden auch positive Fälle entdeckt, die sonst nicht (oder zu spät) aufgefallen wären. Aus diesem Grund ist es wichtig, diesen Baustein so schnell wie möglich als ​Schnelltest-Schnittstelle in die Corona-Warn-App ​zu integrieren. Aktuell können nur PCR-Ergebnisse in die -App einbezogen werden. Da es im Lockdown aber geboten ist, zu Hause zu bleiben, sollte ein positives Schnelltestergebnis nicht erst durch einen raren PCR-Test validiert werden müssen. Wichtiger ist es, sich sofort in die Selbstisolation zu begeben. Zusätzlich muss es eine Möglichkeit geben, ein positives Schnelltestergebnis beim Gesundheitsamt zu melden, damit keine „Surveillance-Lücke“ entsteht, weil sich Menschen mit einem positiven Schnelltest nicht mehr in die PCR-Erfassung begeben und die Inzidenzzahlen ein falsches Bild ergeben.

Aufgrund von Bundesbestimmungen ist es aktuell noch nicht möglich, die Schnelltests selber durchzuführen. Damit ist ein möglicher und wichtiger Baustein der Pandemiebekämpfung nicht einsatzfähig. Solange das so ist, bleibt uns auf Landesebene immer noch der regelmäßige​ strategische Einsatz von Schnelltests in Bildungs- und Pflegeeinrichtungen​. Diese beiden Orten haben eine besondere Schutzwürdigkeit. In einem ersten Schritt müssen alle Bildungseinrichtungen – von der Kita über die Schule bis zum Hort – das pädagogische Personal mit ausreichenden Schnelltests versorgen, damit diese sich mehrmals pro Woche zu Hause testen können. In einem zweiten Schritt sollen auch Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben auf Heimtests zuzugreifen.

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