Warum Gesundheitsämter aktuell unser Schutzschild sind

Die Gesundheitsämter Berlins sind längst zu Corona-Lagezentren geworden. Kontaktnachverfolgung von Corona-Infizierten, Hygienekonzepte oder die Information der Bevökerung – die Coronakrise zeigt, welche zentrale Rolle die in der Vergangenheit heruntergesparten bezirklichen Gesundheitsämter haben. Denn Lockerungen und damit eine schrittweise Rückkehr zur herbeigesehnten Normalität in Coronazeiten kann und darf es nur geben, wenn wir in der Lage sind, COVID-19-Ausbrüche schnell zu erkennen, nachzuverfolgen und Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen. Dafür brauchen wir eine kluge Teststrategie und starke Gesundheitsämter. 

Die empfohlene Eindämmungsstrategie funktioniert in Berlin derzeit, weil Personal aus anderen Fachbereichen mit anpackt. Und weil alle zusammen mit Leidenschaft, Kreativität und Ausdauer arbeiten. Ihnen gebührt unser aller Dank. Nur Dank alleine reicht nicht aus, um arbeiten zu können. Denn die Rückkehr zur Normalität führt zu einer Rückkehr der ausgeliehen Kräfte an ihren eigentlichen Arbeitsplatz. Verständlicherweise: Baugenehmigungen müssen erteilt, das Stadtgrün in der Dürreperiode gepflegt werden. Und im Gesundheitsamt stehen die bisher ausgesetzten Einschulungsuntersuchungen an. Es zeigt sich: Die Gesundheitsämter brauchen mehr Personal und flexible Budgets, um schneller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen. Die chronische Unterausstattung der Gesundheitsämter und das langjährige Ignorieren des Mustergesundheitsamtes rächen sich jetzt. 

In dieser Krise hat sich aber auch gezeigt, wie sehr die technische Ausstattung in allen öffentlichen Bereichen veraltet ist. Was hilft eine Tracing-App, wenn die Gesundheitsämter nach dem Hinweis auf eine Infektion eine zeitnahe Kontaktaufnahme, Testung sowie notwendige Begleitung für die Betroffenen nicht sicherstellen können, weil die Excel-Tabellen zusammenbrechen? Helfen kann hier schon eine simple Datenverarbeitungssoftware. In der Ebola-Epidemie wurde SORMAS in vielen afrikanischen Ländern eingesetzt – erfolgreich. Das Programm ermöglicht einen schnellen Datenabgleich und damit eine schnelle Rückverfolgung der Corona-Kontakte. Das sollten wir auch in Berlin einführen – und zwar in allen Bezirken. Natürlich inklusive der notwendigen Laptops, Tablets und Internetanbindungen. 

Neben starken Gesundheitsämtern brauchen wir eine gezielte, finanziell abgesicherte, landesweit einheitliche Teststrategie. Das ist die Grundlage, dass das neue Corona-Frühwarnsystem – die Corona-Ampel – wirklich funktioniert. Im Zentrum einer anlassbezogenen Teststrategie muss die Testung der Corona-Verdachtsfälle stehen. In einer Phase freier Testkapazitäten auch inklusive asymptomatischer Kontaktpersonen ersten Grades. Eine Teststrategie muss aber auch mehr Wissen über das Virus offenbaren. Deshalb sollte sie in eine Forschungsstrategie mit repräsentativen Erhebungen eingebettet sein. Ein Screening bestimmter Personengruppen, insbesondere von Personal, das mit COVID-19-Patient*innen oder mit vulnerablen Gruppen in Kontakt kommt, ist notwendig. Und es bedarf des strategischen Einsatzes von Immunitätstests, zum Beispiel in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen, vor allem wenn es dort  bereits mehrere Corona-Fälle gegeben hat. Aufgrund der Schlüsselrolle der Gesundheitsämter sollte diese Teststrategie auf Basis der RKI-Empfehlungen mit ihnen und den anderen Testakteuren wie der kassenärztlichen Vereinigung gemeinsam erarbeitet werden.

Fazit: Auf die Gesundheitsämter kommt es an. Sie sind gerade jetzt unser Schutzschild für unsere langsam zurück kehrenden Freiheiten. Vielleicht wirken zentrale Maßnahmen auf den ersten Blick effektiver. Aber der Weg zur Normalität für alle Teile dieser Gesellschaft kann ohne einen intakten öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) nicht funktionieren. Sie kennen die Lage vor Ort am besten, sie können fachlich beurteilen, welche Maßnahmen wann sinnvoll sind und sie sind eng vernetzt mit anderen bezirklichen Instanzen, wie den Schul- und Jugendämtern. Deshalb ist es unsere Pflicht, sie durch gute Rahmenbedingungen auch über die Coronakrise hinaus für ihre anderen Aufgaben handlungsfähiger zu machen. Mit einer vernünftigen technischen und materiellen Ausstattung, mehr Personal, flexiblen Personalbudgets und einem respektvollen Miteinander. Dann gehen sie gestärkt aus der Krise heraus. Das ist gut, denn ein leistungsfähiger ÖGD kann als Public Health-Player einen echten gesundheitlichen Mehrwert für die Bevölkerung bringen. Auch das muss sich in den Köpfen verfestigen.

Dieser Beitrag erschien, in gekürzter Form, am 18. Mai 2020 im Tagesspiegel.

Foto: Semevent/Pixabay_CC0

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