Rede zu „Zero Waste“ als Leitbild in der Abfallwirtschaft

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen Workshop zu Abfallwirtschaft auf der 5. dt.-gr. Versammlung organisiert (Hier kann man das gesamte Programm einsehen). Mit 120 TeilnehmerInnen aus Deutschlands und Griechenlands Kommunen diskutierten wir die Zukunft der Kreislaufwirtschaft in Griechenland und die Auswirkungen des dortigen Abfallwirtschaftsplan, der vom hiesigen grünen Umweltminister geschrieben wird. Ich hatte die Aufgabe einen kurzen Input zu Zero Waste als Leitbild für Kommunen zu halten. Hier ist meine Rede zum Nachlesen.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank, dass ich heute hier zum Thema Berliner Abfallwirtschaft und dem Leitbild Zero Wast in Kommunen sprechen darf. Ich habe mal was mitgebracht. Sicherlich kennen Sie diesen Coffee-To-Go-Becher. Wenn es morgens schnell gehen, muss, die Kinder in die Kita gebracht werden müssen und man den Kaffee zu Hause nicht mehr schafft, kommt der Coffee-To-Go Becher zum Tragen. Ich habe den Becher mal mitgebracht. Damit dieser Becher hergestellt werden konnte, mussten Millionen Jahre vergehen. So lange braucht Rohöl, um zu entstehen. Genutzt wird dieser Becher, der in China hergestellt wurde und auf einem Containerschiff nach Europa gebracht wurde, vielleicht 10 Minuten. Ziemlich kurze Zeit für solch eine lange Produktionszeit.

Was passiert jetzt mit dem Becher? Im Idealfall landet er im Gelben Mülleimer und aus ihm wird eine Parkbank oder ein Getränkekasten hergestellt, weil er auf der Sortieranlage der Firma ALBA im Osten von Berlin in die richtige Kategorie einsortiert und als Recyclat weiterverkauft wird. Eine andere Option ist, und beim Becher, der ein Verbundmaterial ist, ist das wahrscheinlich, kann man daraus gar keine anderen Produkte herstellen, weil der Plastiktyp sich nicht weiterverwenden lässt, dann landet der Becher auch nach der Sortierung in der sogenannten thermischen Verwertung, er wird verbrannt. Am wahrscheinlichsten wird der Becher nicht sortiert, sondern landet in der Restmülltonne. Dann wird er sicherlich verbrannt. Millionen Jahre Entstehungsgeschichte in kurzer Zeit futsch für einen kurzen Kaffee an der Ecke. Der Rohstoff ist unwiederbringlich verloren. Mit einem Mehrwegbecher wäre das nicht passiert..

Sehr geehrte Damen und Herren,

der kurze Weg, den ich am Beispiel eines Coffee-To-Go-Bechers beschrieben habe, ist beispielhaft für viele Produkte unserer Wegwerfgesellschaft, man muss nur einen kurzen Blick in unsere Supermärkte werfen. In Berlin produziert jeder Einwohner – vom Baby bis zum Greis fast 2 kg Müll pro Tag. Das sind über 600 kg im Jahr. Das zu behandeln, zu verwerten und auch zu reduzieren, ist eine enorme Herausforderung, die wir jeden Tag meistern, damit die Stadt nicht im Müll versinkt.

Was macht Berlin, um diese Herausforderung in den Griff zu bekommen und was kann man noch machen? Wir trennen den Müll in fünf Fraktionen. Das wichtigste ist, die Bürger zu motivieren, gut zu trennen, nur dann ist hochwertiges Recycling möglich. Dafür gibt es spezielle Abfallberatungen und Kampagnen, die staatlich finanziert werden. Und wir haben finanzielle Anreizsysteme: Zum Beispiel ist die Restmülltonne die teuerste Tonne, die Wertstofftonne ist gratis. In der Wertstofftonne wird (das ist übrigens einzigartig in Deutschland, aber ein Kurzrefereat zum Dualen System Deutschland und der Verpackungsverordnung würde den Rahmen hier sprengen..) von dem privaten und öffentlichen Abfallunternehmen Plastik und Metall gemeinsam eingesammelt. Rund 40 % werden stofflich verwertet, des Rest geht leider noch noch in die Verbrennung. Der Bioabfall wird von der BSR, der Berliner Stadtreinigung, unserem kommunalen Entsorgungsunternehmen, eingesammelt und in der Biogasanlage behandelt. Mit dem dort gewonnenen Biogas werden eine Vielzahl der Müllautos betankt. Papier und Glas werden durch eine Ausschreibung oder reinen Wettbewerb an private Müllentsorger vergeben und recycelt. Mit 80 % wird hier die höchste Recyclingquote erreicht. Der Restmüll besteht im wesentlichen aus „Fehlwürfen“, also Müll, der eigentlich in eine der anderen Tonnen geworfen werden müsste. Er wird von der BSR abgeholt und verbrannt. Mit diesem Mix aus stofflicher und thermischer Verwertung hat Berlin es geschafft, dass wir keine Mülldeponien mehr brauchen. Damit haben wir es geschafft das Deponieverbot seit 2005, was in Deutschland gilt, erfolgreich umzusetzen.

Grundlage für dieses Vorgehen ist ein Abfallwirtschaftsplan, den alle Fraktionen im Berliner Parlament gemeinsam mit der Regierung beschlossen haben. Jedes Jahr wird vorgelegt, wie sich die Stoffströme mitsamt ihrer Umwelt- und Klimabilanzen entwickelt haben. So ist es transparent für den Bürger nachvollziehbar, was passiert mit dem mühsam getrennten Abfall, wofür bezahlen sie ihre Gebühren und als Kommune weiß ich, wo muss ich nachjustieren.

Wo hat Berlin noch Nachholbedarf? Das Problem der Resourcenverschwendung gehen wir kaum an. Im Gegenteil: Wir verbrennen einen Großteil unseres Abfalls, selbst die 40 % Organikabfälle, die dort enthalten sind und die besser vergärt werden könnten. Selbst die Elektrogeräte, die vielleicht noch genutzt werden könnten, werden auf Metall ausgeschlachtet und der Rest verbrannt. Das liegt an der konkurrenzlosen Möglichkeit der Abfallverbrennung und den langfristigen Abnahmeverträgen mit den Energieunternehmen, die die Wärme abnehmen, die wir mit dem Müll herstellen. Deshalb wird nur so viel Reduce, Reuse und Recycle, die goldenen drei Rs der Abfallwirtschaft gemacht, wie staatlich vorgegeben wird.

Warum das problematisch ist, möchte ich an unseren enormen Ressourcenverbrauch einmal anschaulich machen. Alleine an Plastiktüten, der Spitze des Eisberges, werden jährlich in Deutschland sechs Milliarden Stück verbraucht. Nutzungsdauer sind um die 25 Minuten. Diese benötigen in der Produktion Millionen Tonnen Rohöl und werden zum überwiegenden Teil verbrannt. Damit geht ein wertvoller Sekundärrohstoff und industrielle Wertschöpfung verloren. Wussten Sie, dass für alle Plastiktüten weltweit so viel Rohöl gebraucht wie Saudi-Arabien jährlich fördert? Es ist tödlich, weil jedes Jahr Tiere, allen voran im Meer, auf Grund der Plastikverschmutzung sterben und durch Mikroplastik in den Fischen das ganze am Ende bei uns auf dem Teller landet. Es ist teuer, weil wir hier einen endlichen Rohstoff für unsere Bequemlichkeit vergeuden. Und es ist gefährlich, da wir damit zum Klimawandel beitragen, der die Lebensgrundlage von uns allen bedroht.

Sehr geehrte Damen und Herren, wenn man sich nun vor Augen führt, dass 75 % des Abfalls in Kommunen entsteht, kommt uns eine große Verantwortung zu. Deshalb sage ich: Der beste Abfall ist der Abfall, der gar nicht erst entsteht, sei es,weil der Mehrwegbecher den Coffee-To-Gobecher ersetzt, weil die kommunale IT-Ausstattung im Sozialkaufhaus weiterverkauft und damit weitergenutzt werden oder weil kein Rohöl sondern ein sogenannte Recyclat zum Produktionseinsatz kommt. Zero Waste sollte das Leitbild von unserer Abfallwirtschaft in Europa sein, viele italienische Kommunen haben gezeigt, dass sie hier mit wenig finanziellen Ressourcen mit viel Bürgerengamenent ganze Kommunen auf Zero Waste umstellen können. Vielleicht denken Sie jetzt: Unsere Kommunen haben mit finanziellen Sorgen, hoher Arbeitslosigkeit und dem ganzen Flüchtlingsthema gerade genug Herausforderungen, warum ausgerechnet solch ein ambitioniertes Leitbild für die Abfallwirtschaft? Weil Abfallwirtschaft lokale Wertschöpfung bedeutet und weil Sie jetzt die Chance haben, nachhaltig zu investieren. Wenn wir heute die Berliner Abfallinfrastruktur neu bauen würden, würde ich dafür plädieren, zu allerst eine Stoffstromanalyse vorzunehmen und dann Quoten für stoffliche Verwertung und Abfallvermeidung vorgeben. Auf dieser Basis können gesellschaftliche Bündnisse geschlossen, Mit Planungssicherheit Investitionen in Recyclinganlagen getätigt werden und Absatzmärkte für Recyclingstoffe und Wiederverwendetes generiert werden. Dies senkt langfristig Kosten, schützt Mensch und Natur und verringert Abhängigkeiten, weil es die lokale Wertschöpfung stärkt.

Wenn wir alle Kräfte darauf konzentrieren, weniger Müll zu erzeugen, mehr zu verwerten und wiederzuverwenden, brauchen wir keine Deponien, können wir mittelfristig Kosten für die Menschen senken und müssen keine überdimensionierten Müllverbrennungsanlagen schaffen. Ich würde mir wünschen, dass die Kommunen in Griechenland nicht den gleichen Fehler begehen wie wir in Deutschland un Überkapazitäten in der Verbrennung schaffen. Das lockt nämlich Mülltouristen an und endet nie gut. Sicherlich gibt es immer Abfälle wie Windeln oder Zigarettenstummel, die man noch nicht richtig recyclen kann, in begrenzten Maße machen Verbrennungsanlagen Sinn, aber Sie dürfen immer nur die letzte Option sein. Setzen Sie ambitionierte Quoten, das ist der Schlüssel, und damit alles daran, dass mehr Abfall hochwertig recycelt wird und die enthaltenen Ressourcen erhalten bleiben. Die kommunale Hand hat hier viel Gestaltungspotential, kann anstoßen, begleiten und umsetzen. Und damit Arbeitsplätze vor Ort schaffen.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich komme zum Schluss: Und für das Coffee-To-Go Becher-Problem habe ich auch eine Lösung. Wir machen sorgen mit kommunale Mitteln dafür,  dass jeder, der mit seinem Mehrwegbecher Kaffe holt 50 cent weniger zahlt. Das ist Kundenbindung und Umweltschutz in einem. So kommen wir dem Ziel, weniger Müll zu erzeugen einen Schritt näher.

Vielen Dank und viel Erfolg bei ihrer Arbeit vor Ort!

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