Rettet die Hebammen

Kurzer, persönlicher Blogbeitrag zu den Hebammen. Um es vorneweg zu sagen: Ich bin echt sauer.

Ich bin wütend. Und ich mache mir Sorgen. Um die Hebammen und die freie Wahl der Geburtshilfe. Denn: Ich möchte bei der Geburt wenigstens frei bestimmen können in welchem Umfeld und mit welcher Unterstützung ich etwaige weitere Kinder auf die Welt bringe. Ich würde mich wieder (sofern medizinisch nichts dagegen spricht) für eine Geburt (im Krankenhaus) mit einer Hebamme samt Vor- und Nachsorge entscheiden. Denn etliche Komplikationen, die mir andere Frauen mit ähnlich großem Kind (und mein Kind war seeeeeehr groß) berichtet haben, haben sich bei mir, dank einer erfahrenen Hebamme nicht ergeben. Und diese freie Wahl (die selbstverständlich Hausgeburt und Geburtshaus beinhalten MUSS), die auch durch §24d SGB V und EuGH-Gerichtssprechung rechtlich verbrieft ist, möchte ich haben und ich möchte, dass sie meine Schwestern, meine Nichten, meine ungeborenen Töchter, meine Freundinnen, kurzum alle Frauen haben.

Worum geht es eigentlich? Hebammen müssen, um beruflich tätig zu sein, eine Haftpflichtversicherung abschließen. In den letzten Jahren sind die Versicherungsprämien immens gestiegen, zuletzt auf über 4500 Euro (was zu 2003, als die Prämie noch bei 453 Euro lag, eine Verzehnfachung bedeutet). Gleichzeitig bekommen Hebammen für ihre Arbeit einen Stundenlohn von (nach Angaben des DHV) von 8,50 Euro, von dem aber noch so einiges abgeht – wie eben diese Haftpflichtversicherung – und am Ende der Stundenlohn deutlich unter den 8,50 Euro liegt. Nun hat die letzte verbliebene Versicherung erlklärt, sie werde ab Juli 2015 diese Haftpflichtversicherung nicht mehr anbieten. Damit kommt es einem faktischen Aus des Hebammenberufs gleich. Weil es mir etwas unklar war, hier das Ergebnis meiner kurzen Recherche: Und es betrifft wirklich alle Hebammen. Wenn sich nichts ändert, es also keine Versicherung gibt, die sich bereit erklärt Hebammen in die Haftpflicht zu nehmen, bedeutet das 2015 das weitesgehende Aus für die Geburtshilfe samt Vor- und Nachbereitung durch Hebammen.

Es betrifft eben nicht mehr nur die Freiberuflich Tätigen Hebammen, sondern auch die angestellt arbeitenden Kolleginnen, denn viele von Ihnen müssen sich, aufgrund mangelnder Absicherung durch die Krankenhäuser, noch zusätzlich haftpflichtversichern. (Zitat stammt von einer Hebamme, die einen Briefwechsel mit einer Bundesparteizentrale öffentlich gemacht hat.)

Es ärgert mich so maßlos. Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, wie und wo ich mein Kind auf die Welt bringe. Und schon gar nicht *populismus-on* von Männern in grauen Anzügen, die die Zahlen bei den Versicherern hin und herschieben *populismus-off*. Im Gegenteil frage ich mich, warum die Krankenkassen in den letzten Jahren Gewinne erwirtschafteten, wenn das Geld bei einer anständig bezahlten, flächendeckenden (!siehe Sylt!) Geburtshilfe inklusive Vor- und Nachsorge fehlt. Wenn man die Zahlen sieht, was die unterschiedlichen Möglichkeiten ein Kind auf die Welt zu bringen, kosten, kann man nur den Kopf schütteln. Denn die wesentlich niedrigeren Kosten bei Geburtshaus oder Hausgeburt sind natürlich auch mit den extrem niedrigen Sätzen, die Hebammen bekommen, zu erklären.

Was kostet eine Geburt?

Geburt im Geburtshaus: 467,20 Euro

Hausgeburt: 548,80 Euro

Vaginalgeburt in einer Klinik: 1.594 bis 2.146 Euro

Kaiserschnitt: 2.505 bis 5.366 Euro

Die Kaiserschnittrate lag 2012 bei etwa 30%. Etwa 2% aller Geburten fanden außerklinisch statt.


Nimmt man die Zahlen des Hebammenverbandes hinzu, wonach sich an den Zahlen der Fälle, wo es bei Geburten zu Komplikationen gekommen ist, die in der Folge über die Haftpflichtversicherung abgewickelt werden mussten, nichts geändert hat, mutet es mehr als seltsam an, dass die steigenden Kosten als Punkt angeführt werden.

Es bleiben einige Fragen, die einen mehr als schalen Beigeschmack lassen: Warum bekommen Hebammen so niedrige Vergütungssätze, vor allem nochmal im Verhältnis zu Krankenhäusern? Warum gibt es nur eine Versicherung, die Hebammen per Haftpflicht versichert? Und warum muss diese jetzt auf einmal anders kalkulieren, dass sie die Hebammen rausschmeisst? Und warum äußert sich die Versicherung noch nichtmal auf ihrer Webseite dazu, warum sie diesen Schritt gegangen ist?

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Was kann man denn nun tun?

Bei Change.org kann man einen Brief an Minister Gröhe unterschreiben.

Unser Recht auf freie Wahl der Geburtshilfe einklagen.

Briefe an die Wahlkreisabgeordneten schreiben.

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Weitere Informationen:
Beim Hebammenverband.

Image by Ruben Neugebauer / Campact (CC BY-NC 2.0)

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